Medikationsplan: Alle Tabletten im Blick

Je mehr Arzneien ein Patient einnehmen muss, desto größer ist das Risiko für Wechselwirkungen zwischen den Mitteln. Ein Plan mit allen Medikamenten soll einen Überblick verschaffen

von Dr. Achim G. Schneider, 12.12.2017

Die Behandlung mit mehreren Tabletten kann Risiken bergen


Pro Tag 20 Pillen schlucken? Zugegeben, das klingt unwahrscheinlich. Doch das Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen. Es zeigt eine übliche Medikation für einen Patienten mit Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes, der nach einem Infarkt an einer Herzschwäche leidet. Elf Wirkstoffe haben ihm die Ärzte verschrieben, einige davon muss er mehrmals täglich einnehmen. An dem Fall sieht man, wie komplex die Behandlung eines Patienten sein kann.

Die Kehrseite der Medaille: Mit jedem Wirkstoff steigt das Risiko für Neben- und Wechselwirkungen. "So können sich Kombinationen ergeben, die einem Patienten nicht guttun oder ihm sogar schaden", sagt Professor Daniel Grandt, Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft.

Übersicht per Medikationsplan

Gleichwohl hält Grandt die pauschale Kritik für falsch, wonach Ärzte zu viele Medikamente verordnen. "Das trifft sicher im Einzelfall zu, doch kann man die Qua­lität der Therapie nicht anhand der ­Anzahl der Arzneimittel losgelöst vom Patienten beurteilen. Manch einer mit mehreren Erkrankungen benötigt fünf oder noch mehr Präparate." Wichtig sei, dass der Arzt regelmäßig die Notwendigkeit und die Kombi­nation der verordneten Arzneimittel kritisch überprüft.

Diese Aufgabe übernehmen meist Hausärzte oder Apotheker. Das Pro­blem dabei: Sie erfahren oft nicht, was ihre Patienten alles schlucken – und zwar gerade bei jenen mit mehreren Krankheiten. Die Politik hat erkannt, dass hier etwas im Argen liegt, und im vergangenen Jahr einen einheitlichen Medikationsplan eingeführt. Wer mindestens drei ärztlich verordnete Arzneimittel dauerhaft einnimmt, hat ein Anrecht darauf.

Fortschritt, der nicht ankommt

Für Professorin Petra Thürmann ein großer Fortschritt. Doch sie sieht Schwierigkeiten bei der Umsetzung: "Einige Ärzte machen fleißig mit, doch insgesamt gibt es eine große Zurückhaltung", urteilt die Leiterin des Instituts für Klinische Pharmakologie am Helios-Klinikum Wuppertal. So hat bislang nur ein Bruchteil der anspruchsberechtigten Patienten den Plan.

Ein weiteres Manko: Viele vergessen, ihn zum Arzt oder in die Apotheke mitzunehmen. Das zeigte Thürmann in einer einjährigen Pilotstudie mit über 70-Jährigen, die im Schnitt acht Medikamente schluckten. "Wenn es so bleibt, dass die Patienten ihre Pläne immer mitschleppen müssen, wird daraus nie etwas werden", resümiert Thürmann. Demnächst soll es möglich werden, den Plan auf der Ver­sicherungskarte speichern zu lassen. Vorgesehen ist dafür der Januar 2018.

Lücken im Plan

Doch angenommen, jeder Berech­tigte macht davon Gebrauch: Wären dann alle Schwierigkeiten behoben? "Das ist nicht sicher", urteilt Grandt. "Dazu muss der elektronische Medikationsplan unbedingt besser werden." Denn bisher fehlt die Möglichkeit, einige wich­tige Informationen dort unterzubringen. Zum Beispiel, ob ein Patient ein Medikament mehr als viermal täglich oder einmal wöchentlich schluckt. "In dieser Form wird die elektro­nische Gesundheitskarte die Therapiesicher­heit nicht vergrößern", sagt Grandt. "Außerdem muss sichergestellt sein, dass der Patient und alle Ärzte jeweils den gleichen aktuellen Medikationsplan sehen."

"Adam" soll Mankos beheben

Das neue Großprojekt "Adam" will Verbesserungen entwickeln. Rund 35.000 Versicherte der Barmer-GEK in Westfalen-Lippe sollen daran teilnehmen, rund 1.400 Hausärzte eingebunden werden. "Wir wollen damit Hilfestellungen für Hausärzte erarbeiten, die später in die Routineversorgung übernommen werden", beschreibt Grandt das Ziel.

So wird erstmals in Deutschland ­eine Krankenkasse den Ärzten sämtliche aktuellen Daten übermitteln, die für die Beurteilung einer Medikation wichtig sind. Doch "Adam" will auch bessere Entscheidungshilfen entwickeln. Zwar gibt es bereits Software, die alle möglichen Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten anzeigt. Doch bei mehreren Wirkstoffen sind dies einfach zu viele. Zudem unterscheiden sich die Programme bei der Einschätzung dessen, was als gravierend oder was als gering­fügig eingestuft wird. Oft ist außerdem unklar, ob Beschwerden wirklich von den Medikamenten herrühren.

Prioritäten setzen

Mediziner sind also stets auf ihr Wissen und ihre Erfahrung angewiesen, wenn sie Medikamente verordnen. Um Hausärzte dabei besser als bislang zu unterstützen, wollen Vertreter 21 medizinischer Fachgesellschaften gemeinsam neue Wege gehen.

Ein Beispiel: Zwar werden weiterhin Kardiologen die Empfehlungen zur Therapie von Herzleiden und Diabetologen jene zur Behandlung der Zuckerkrankheit erarbeiten. Doch künftig soll es Ergänzungen geben – für Menschen mit einem Herzleiden und Typ-2-Diabetes.

Im Zweifelsfall mit dem Arzt sprechen

"Die Fachgesellschaften verständigen sich darauf, welche Behandlung Priorität hat und auf welche Wirkstoffe man unter Umständen verzichten kann", erklärt Grandt. In diese Empfehlungen werden auch die Ergebnisse laufender Studien einfließen.

Auf keinen Fall sollten Patienten verordnete Arzneien eigenmächtig absetzen. Besser ist das Gespräch mit dem Arzt, damit dieser die beste Medikation findet: die den größten Nutzen bringt bei akzeptablen Neben­­wirkungen.


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